Das Gesicht der Medienwelt verändert sich drastisch. High-End Technologie wird alltagsgebräuchlich. MP3-Player, DVD-Recorder mit integrierten Festplatten, hochauflösenden HDTV-Ready Fernsehbildschirmen sind keine Dinge der Zukunft, sondern der Realität. Die Firmen kloppen sich um die Kunden, um den Preis so weit herunter wie möglich zu treiben. Neue Standards werden entwickelt, neue Möglichkeiten werden erforscht. Natürlich hat nicht jeder Deutsche all diese Technik im Wohnzimmer – aber sie ist ihm nicht mehr fremd. Wer heutzutage nie von Mp3 gehört hat, hatte damals in den 80ern wahrscheinlich noch einen schwarz-weiß Fernseher.
Wie siehts in unseren Gemeinden aus? Ist diese Frage überhaupt notwendig? Ich denke schon. Und zwar sehr wichtig. Wichtige Hinweise gab der katholische Medientheoretiker Marshall McLuhan. Ich möchte kurz auf seine Thesen eingehen und ein paar Rückschlüsse auf die Gemeinde ziehen, die wirklich grundlegende Veränderungen bringen können:
„Medien als menschliche Verlängerungen“
Medien sind keine bloßen Botschaften oder Bilder – sie sind, so McLuhan, eine Verlängerung des Menschen. Sie sind ein Teil seiner Gedanken, seines Wesens. Leonardo DaVincis Charakter und sein Forschungsdrang haben seine Ideen und Skizzen nicht nur geprägt, sie waren der Ausdruck seines Charakters. Demnach sind Medien keine bloßen Werkzeuge, sondern deuten auf die Person(en) und deren Werte hin.
McLuhans Grundannahmen basieren auf einem sehr weit gefassten Medienbegriff. Seiner Definition zu folge beinhaltet fast jeder Gegenstand mediale Eigenschaften: „Denn die „Botschaft“ jedes Mediums oder jeder Technik ist die Veränderung des Maßstabs, Tempos oder Schemas, die es der Situation des Menschen bringt.“ (McLuhan 1964, 18). Demnach ist das Buch ebenso ein Medium wie die Eisenbahn. Wikipedia.
Die Bibel spricht davon, dass jeder Mensch im Bild Gottes geschaffen worden ist. Als Imago Dei. In der Theologie bedeutet dies, dass der Mensch nicht Gott ist – oder Gott Mensch – sondern dass der Mensch ein Ausdruck Gottes Charakters und Wesens sei. Der Mensch ist eine „Verlängerung“ Gottes. Auch durch den Sündenfall ist der Mensch immer noch Imago Dei, mit dem großen Unterschied dass er als Verlängerung Gottes nicht mehr so recht funktioniert. Die Verbindung ist getrennt. McLuhan hat vielleicht nicht ganz Unrecht, oder?
Was hat das alles mit Gemeinde zu tun? Nun, dass ganz normale Dinge wie die Architektur, die Musikauswahl, die Farbe, Helligkeit oder der Geruch des Anbetungsort viel über die Gemeinde selbst aussagt!
Umwelten sind keine passiven Hüllen, sondern eher aktive Vorgänge, die unsichtbar bleiben. McLuhan
Ein Experiment: Wie fühlt man sich in einer Kathedrale? Wie fühlt man sich in einem Cafe? Wie fühlt man sich im Wartezimmer eines Zahnarzts? Interessant, oder? Die „Aufmachung“, das Design oder sogar die Raumtemperatur sagen viel über die Bestimmung, die Werte und die Ziele derjenigen aus, deren Dienstleistungen oder Produkte man erfordert.
„The Medium is the Message“
Ich kommt immer mehr zu der Überzeugung, dass Botschaften von der Art und Weise verändert werden, wie sie präsentiert werden. Der Satz „die gleiche Botschaft, andere Ausdrucksformen“ scheint nicht so zu stimmen, wie es Gemeindemarketingexperten es uns immer gesagt haben. Weil sich die Botschaft immer ein Stückweit mit dem verändert wird, wie sie präsentiert wird. Das neue Buch „The Hidden Power of Electronic Culture: How Media Shapes Faith, the Gospel, and Church“ zeigt dies sehr deutlich auf und ist speziell für dieses Thema absolut empfehlswert.
Ein Experiment. Du bist männlich, Mitte 30, bist von zuhause aus eher atheistisch aufgezogen worden, hast einen Realschulabschluss, arbeitest als Anlageberater bei einer bekannten Bank. Mit Kirche hast du wenig zu tun – ein Kollege lädt dich eines Tages mit in diese Gemeinde:

Frage: Mit deiner ganzen Vergangenheit, deiner Erfahrung – was lernst du von Jesus von dieser Atmosphäre?
Frage 2: Andere Situation. Du bist weiblich, 25 Jahre alt, single, ein uneheliches Kind, und lebst von der Stütze. Was lernst du von Jesus von dieser Atmosphäre?
Der Anlageberater und die junge Mutter hören in der Predigt die gleichen Worte – empfinden die dazugehörige Atmosphäre aber total anders. Komisch, oder? Es ist nicht der gleiche Jesus.
Das Medium beeinflusst sehr wohl die Botschaft – weil die Botschaft mehr als nur die gepredigten Worte sind, sondern die Umgebung. The Medium is the Message. Wir wissen, dass Gott nicht auf Äußerlichen schaut – sondern auf das Herz. Aber Kirchendistanzierte sehen nunmal auf Äußerlichkeiten. Können wir ihnen zuliebe wenigstens einmal darüber nachdenken, wie unsere Umgebung wirkt? Ich meine damit mehr als der Gottesdienstraum. Sondern die Art und Weise, wie man spricht. Ob die Musik schlampig ist. Ob die Powerpoints farbig ansprechend abgemischt sind, oder ob der Text hellgrau auf einem weißen Hintergrund abgebildet ist. Wie der Kaffee schmeckt. Aber was können wir in der Gemeinde tun?
Wir brauchen die Fähigkeit, zu sehen
Mehr als nur sehen – sondern richtig zu empfinden. Hier einige Tipps:
- Welche Perspektiven und Farben benutzen die Filme, die in deiner jeweiligen Kultur total angesagt sind?
- Welche Witze finden Leute in der Stadt witzig? Schwarzer Humor? Schadenfreude? Einzeiler? Sprüche?
- Schaue dir eine coole Zeitschrift an, ohne auf den Text zu achten. Wie ist er ausgelegt? Welche Abstände benutzen die Artikel? Wie sehen die Bilder aus? Welche Gefühle möchten die Werbungen hervorbringen?
- Wie versuchen Werbungen uns zu manipulieren? Mit Erfolg, Sex? Wie versuchen sie, in uns Gefühle zu wecken?
Ich weiß nicht wer das Wasser entdeckt hat, aber ich bin mir ziemlich sicher, dass es kein Fisch war. McLuhan
Wir müssen als Leiter die Fähigkeiten haben, mehr zu sehen als andere. Die kleinen Details wahrnehmen. Äußerlichkeiten sind unserer deutschen Kultur wichtig – und sogar unseren Gemeindemitgliedern wichtiger, als wir es denken. Christliche Teestuben der 70er und 80er sind heutzutage eine Beleidigung an die deutsche Kultur. Der brummende OHP ist der Grund, warum sich viele Teenager in unserer Gemeinde für Jesus schämen.
Links:
Is Jesus the next killer app? Ein Artikel darüber, wie große Tech- und Medienfirmen nun ihre Waren und Dienstleistungen extra an Gemeinden anbieten.
Church Marketing Sucks. Eine Seite rund um das Marketing der Gemeinde… genial. Für viele Emergents ist das Wort Marketing ein böses Wort, weil es an Manipulation und an Spiegel- und Rauch Magie erinnert.
Marshall McLuhan: „The Medium is the Message“. Eine christliche Internetseite rund um McLuhans Thesen – und eine abgewogene Kritik.
Kairos Media. Eine christliche Medienfirma, die mit neuen Ideen experimentiert – Video Loops, Videos, Musik, Filmrezensionen aus der christlichen Sicht.