
Im vierten und längsten Kapitel Personal Reflections on Postmodernism’s Contributions and Challenges gibt D. A. Carson seine Sichtweise der Thematik Postmoderne. Er sieht das Hauptanliegen der Postmoderne im Grunde in der Reaktion gegen die moderne Epistomologie, also die moderne philosophische Erkenntnislehre. Entschuldigt, ich werde hier ein bißchen ausholen müssen – es ist aber nötig, um Carson hier richtig zu verstehen. Er geht chronologisch durch die Geschichte der Epistemologie:
In der prämodernen Zeit, durch judeo-christliche Werte geprägt, wussten die meisten Menschen dass Gott existiert und dass er alles weiß (omniszient). Ihr eigenes Denken war von der Offenbarung Gottes abhängig. (Momentan gebe ich hier nur weiter, was Carson schreibt)
In der modernen Zeit, also in dem Versucht von Descartes, seinen atheistischen Kollegen die Existenz Gottes und somit die Autorität der Römisch-Katholischen Kirche zu beweisen, verlagerte sich der Schwerpunkt der Erkenntnis von einem sich offenbarenden Gott (die moderne Epistemologie) zu einer Erkenntnis des Menschen durch Denken (Cogito, ergo sum. Ich denke, also bin ich = Moderne Epistemologie). Wissen war das Fundament der eigenen Existenz und war universell objektiv, wahr und gut.
Durch die Postmoderne wurde die moderne Epistemologie stark angegriffen: Die Erkenntnis, die aus dem Menschen stammt, ist nicht frei von persönlichen Perspektiven, Weltanschauungen und vorangegangenen Axiomen! Deshalb ist die Wahrheit im Prinzip Ansichtssache! Wer kann schon objektiv und universell sagen, was richtig und falsch ist?!? Wenn Wissen das Fundament der eigenen Existenz ist, welches Wissen ist dann das Fundament? Östliches Wissen (z. B. Geist ist echt, Materie ist Illusion) oder westliches Wissen (z. B. Geist ist Illusion, Materie ist echt)? Die Postmoderne Epistemologie sah die Lösung dieses Problems in der Pluralität von Weltanschauungen und die strikte Ablehnung jeglicher Metanarrative (also die Geschichte, die unsere Existenz erklärt, rechtfertigt und antreibt).
Als nächstes gibt Carson dann die geistigen und gesellschaftlichen Konsequenzen der postmodernen Epistemologie auf, und das Pro und Kontra. Fazit: In Kapitel 4 geht es weniger um den Umgang der Emerging Church mit der Postmoderne – das kommt im nächsten Kapitel – sondern Carsons Sicht der Dinge, entnommen aus seinem Buch The Gagging of God. Ich finde seine Beschreibung der postmodernen Erkenntnislehre einleuchtend – bin aber mit seiner Sicht der prämodernen Epistemologie recht unzufrieden. Das liegt wahrscheinlich daran, dass er sie in diesem Kontext ungenügend beleuchtet. Positiv finde ich seine Erklärung dazu, was der Mensch wissen kann: der Mensch ist zwar nicht Allwissend, muss aber nicht zum Nihilismus verflucht sein, als ob man überhaupt nichts wissen kann (wie es einige postmoderne Philosophen behaupten). Wir können nicht alles wissen, aber wir können trotz all dem etwas wissen!
In den nächsten Kapiteln geht es ans Eingemachte. Im fünften Kapitel Emerging Church Critique of Postmodernism kritisiert Carson den Umgang der Emerging Church mit der Postmoderne. (1) Obwohl z. B. Leonard Sweet ausdrucklich davor warnt, von der Postmoderne eingenommen zu werden, gibt er (und z. B. Brian McLaren) seinen Lesern keine Kritik der Postmoderne. Wenn McLaren schreibt, dass die Postmoderne nur das „Neueste in einer langen Reihe von Absurditäten sei“, wieso gibt er seinen Lesern keine Kritik, Hilfe und Unterstützung mit problematischen Aspekten der Postmoderne? Das bleibt in ihren Büchern unbeantwortet. (2) Dabei tun sich viele dieser Autoren schwer, wenn es um absolute Wahrheiten geht (wie z. B. die absolute Sündhaftigkeit der Homosexualität). (3) Dazu werden traditionell-mystische Elemente div. christlicher Konfessionen benutzt, oft ohne vorher die biblische Ansichtsweise zu Rate zu ziehen. (4) Viele Emerging Church Leiter haben Schwierigkeiten, Glauben und Gemeindezugehörigkeit im rechten Licht zu betrachten. Kommt man zuerst zum Glauben, dann in die Gemeinde? Oder zuerst in die Gemeinschaft, und dann zum Glauben? Obwohl Carson stark zur persönlichen und authentischen Evangelisation steht, sieht er die Gemeinde trotz all dem als besondere Entität, weil Christen wirklich anders sind (vgl. 1Kor 6,9-11). Fazit: Ich gebe Carson hier z. T. Recht, was das Schweigen bezüglich der Schattenseiten der Postmoderne angeht. Das liegt meines Erachtens nicht an ein Verschweigen von biblischen Wahrheiten, sondern auf die Wertlegung von Verständnis gegenüber postmodernen Menschen. Was McLaren angeht, im nächsten Kapitel wird auf ihn stärker eingegangen.
Im sechsten Kapitel Emerging Church Weakness Illustrated in Two Significant Books geht Carson auf McLarens A Generous Orthodoxy und Chalkes The Lost Message of Jesus ein, also Bücher, die in der evangelikalen Welt für viel Wirbel und Diskussionen geführt haben. Ich werde an dieser Stelle nicht darauf eingehen, weil das zu weit führen würde. Fazit: Meiner Meinung nach entdeckt Carson in A Generous Orthodoxy das, worauf ich auch gestoßen bin: Sehr viel Generous und sehr wenig Orthodoxy
Unter vielen Leuten momentan populär, weil Pluralität (manchmal am Rande von Pluralismus) einfach die postmoderne Art und Weise der Wahrheitssuche ist. McLaren sagt selbst (!!!) dass er kein Theologe ist und dass er in diesem Buch wahrscheinlich viel Unsinn geschrieben hat. Deshalb mache ich nicht viel Wirbel darum. Was Chalkes Buch angeht – ich habe es nicht gelesen und kann daher die Kritik Carsons nicht überprüfen.
Noch ein Wort bezüglich Brian McLaren: Obwohl er ein einflussreicher Autor der Emerging Church Bewegung ist, gibt es viele innerhalb der Bewegung (und sogar innerhalb von Emergent), die seine Ansichten nicht ganz nachvollziehen können. Schade ist, dass McLarens Bücher als die Emerging Church Bücher dargestellt werden, was sie natürlich einfach nicht sind. Carson geht hier zu weit, in dem er McLarens Ansichten als die Ansichten der Emerging Church darstellt. Carson schreibt, in Anlehnung am ellenlangen Untertitel zu A Generous Orthodoxy: „I have read these chapters with considerable care, and I must try to explain a lottle of why this is an attractive + manipulative + funny + sad + informed + ignorant + winsome + outrageous + penetrating + resoundly false + stimulating + silly book.“ (S. 162) Keine Angst, McLaren bereitet momentan sein Kontra vor, was bald auf seiner Website zu lesen sein wird.
In den letzten zwei Kapiteln geht Carson auf die Wahrheitsfrage in der Bibel ein: Gibt es absolute Wahrheiten? In sieben Seiten zitiert Carson zahlreiche Bibelstellen, die auf eine Wahrheit hinweisen, die wir mit absoluter Sicherheit wissen können. Im letzten Kapitel schreibt Carson wiederum über die biblische Sicht von Wahrheit und Erfahrung (sie dürfen nicht gegeneinander ausgespielt werden).
Abschließendes Fazit: Ich gebe dieses Buch 8 Sterne von 10. Ich würde das Buch (ohne zu übertreiben) jedem empfehlen, der sich ernsthaft in der Emerging Church Diskussion eingeschaltet hat. Kritik tut oft gut, hinterfragt die eigene Position und lässt einen stärker werden. Was ich erschreckend finde: Carson gibt tatsächlich eine gute und angemessene Kritik der Bewegung, wie sie in der Literatur dargestellt wird! Christliche Leiter sollten nicht nur Experten der Kultur – sondern auch Experten ihrer eigenen Bibel sein, fähig, alles zu prüfen und das gute zu behalten (1Thess 5,21).Was ich an diesem Buch mangelhaft empfinde: Carson hat sich nur mit Literatur und Blogs der Emerging Church Bewegung auseinandergesetzt. Meines Wissens nach hat er kein einziges Mal eine Emerging Church besucht, noch mit deren „Leiter“ oder Autoren persönlich gesprochen oder diskutiert! Schade. Sein Buch ist für uns ein Plädoyer, tiefer über Ekklesiologie, Kultur und Evangelium nachzudenken und uns nicht mit oberflächlichen Erklärungen zufriedenzugeben.