Soomas altes Blog

newlifechurch

  • 09:19:22 on Dezember 17, 2005 | # | 7

    In meinem zweiten Post über die Theologie der Straße möchte ich einen kurzen Abriss über das Thema Theologie allgemein geben. Da es falsche und unvollständige Definitionen von der Theologie selbst gibt, ist am Anfang ein bißchen Denkarbeit angesagt. Wir werden uns natürlich mit der christlichen Theologie beschäftigen. Vielen werden diese Gedanken überhaupt nicht neu sein

    Eine sehr gute Definition von Theologie habe ich bei Wikipedia gefunden:

    Die Theologie (griechisch θεολογία, von θεός, theós – der Gott bzw. θεά, theá – die Göttin und λόγος, lógos – hier im Sinne von die Lehre) ist wörtlich die Lehre von Gott, allgemeiner die Lehre von Glaubenssystemen und Glaubensdokumenten.

    Ein paar Beobachtungen aus diesem Text. Erstens handelt es sich hier um Gott, nicht um den Menschen – auch wenn die Theologie große Auswirkungen auf das menschliche Leben haben kann (z. B. die „praktische Theologie“). Zweitens ist es eine Lehre – es sind menschliche Worte über Gott. Wir müssen uns im Klaren sein, dass keine Theologie der Welt vollständig Gott beschreiben und seine Wesensmerkmale zusammenfassen kann. Paulus, in seinem Diskurs über die Erwählung des Volkes Israels und das große Thema über Gottes Souveränität über den Menschen, schreibt dann:

    Wie wunderbar ist doch Gott! Wie unermesslich sind seine Reichtümer, wie tief seine Weisheit und seine Erkenntnis! Unmöglich ist es uns, seine Entscheidungen und Wege zu begreifen! Denn wer kann wissen, was der Herr denkt? Wer kann sein Ratgeber sein? Und wer hat Gott jemals so viel gegeben, dass Gott ihm etwas zurückerstatten müsste? Denn alles kommt von ihm; alles besteht durch seine Macht und ist zu seiner Herrlichkeit bestimmt. Ihm gehört die Ehre in Ewigkeit! Amen. (Römer 11,33-36)

    Also kann man doch nichts von und über Gott wissen? Wenn er der Töpfer und wir der Ton sind – haben wir keine Chance ihn zu begreifen und ihn zu verstehen. Falsch. Hier kommt nun die biblische Vorstellung von Offenbarung ins Spiel. Können wir etwas über Gott wissen? Nein… nur wenn er uns „Informationen“ über sich selbst gibt, nur wenn er sich uns Menschen offenbart.

    Ich habe deinen Namen diesen Menschen offenbart. (Joh 17,6)

    Zusammenfassung: Obwohl wir nicht alles über Gott wissen können, gibt es trotzdem Dinge, die wir wissen können: das, was er uns Menschen offenbart. Deshalb muss ich immer ein bißchen schmunzeln, wenn ich von Christen höre, die sich als (radikale) Dekonstrutivisten bezeichnen – weil damit die Offenbarung in sich zusammenfällt. Wenn man seine eigene Welt lediglich „erträumt“, kann es keinen Raum für Gottes Offenbarung an uns geben. Es gibt keine Theologie, es gibt keinen Gott

    Deshalb ist die erste Frage an christliche Theologen diese: woher hast du deine Informationen? Worauf baust du deine Theologie (die sowieso unvollständig ist)? Auf dem menschlichen Verstand? Auf weltlichen Beobachtungen? In Erfahrungen? In der Bibel? Die Frage ist sicherlich nicht leicht zu beantworten. Die Antwort „Ja, ich baue meine Theologie nur anhand der Bibel“ ist selbstbetrügerisch.

    Natürlich besteht jetzt die Frage, inwiefern die Theologie von der Philosophie oder Erfahrung beeinflusst ist, bzw. sein sollte? In meiner Lektüre von Johannes Calvins „Unterricht in der christlichen Religion“ war ich überrascht, dass er seine Theologie auf philosophische Gedankengänge gebaut hat: Man kann etwas wissen… deshalb können wir von uns wissen, dass wir imstande sind, zu wissen… deshalb ist unser Wissen unvollkommen… deshalb brauchen wir einen „Besserwisser“, Gott! Calvin hat mich echt aus den Socken gehauen – er hat mir einiges aus dem Calvinismus klar gemacht: Glaube nie einen Calvinisten, wenn er sagt dass seine Theologie rein biblisch ist – wahrscheinlich bestehen seine Gedankengänge oft nur aus philosophischen Schlussfolgerungen, die sich biblisch nicht behaupten lassen.

    Die Behauptung, dass nur die philosophiefreie biblische Theologie „richtig“ sei, ist falsch. Denn die Theologie wird sich immer auf die Philosophie stützen… weil die Philosophie in menschlichen Köpfen stattfindet. Welchen Unterschied gibt es denn zwischen Theologie und Philosophie? Nun, der große Theologe Thomas von Aquin würde antworten: „Es kommt daran, wo wir anfangen: die Philosophie fängt mit menschlichen Empfindungen an – z. B. die Sinne oder das Nachdenken. Da wir Menschen „Erfahrungswesen“ sind – spielt die Philosophie deshalb in der Religion keine mindere Rolle. Die Theologie jedoch fängt mit der göttlichen Offenbarung an. Und hier die Moral der Geschicht’: ohne die Philosophie ist es nicht möglich, Theologie zu betreiben. Die Philosophie ist jedoch eine sehr wackelige Grundlage, weil sie sich auf subjektive Empfindungen stützt. Deshalb Vorsicht, welche Philosphie du dir ‘aussuchst’!“ Ein gutes Beispiel ist die Dreieinigkeit – eine biblische Idee, die philosophisch unlogisch und nicht ergründbar ist.

    Später werden wir uns die drei „Zweige“ der Theologie anschauen – welche Bedeutung sie haben, und wie wir von einer unrelevanten zu einer Straßentheologie kommen.

    Theologie ist praktisch: besonders in diesen Zeiten… Auch wenn du dich für Theologie nicht interessierst heißt das nicht, dass du keine Gedanken über Gott hast. Es wird bedeuten, dass du viele falsche Gedanken über ihn hast… schlechte und altmodische Ideen. C. S. Lewis (Pardon, ich bin Christ)

    Empfehlenswerter Link: Philosophy and Christian Theology (die Beziehung zwischen der Philosophie und der Theologie, englisches Artikel)

     

Comments

  • storch 11:29 on 17 Dezember, 2005 | #

    hi soomah,
    bin deinem backlink gefolgt und hiergergekommen. lustig, endlich mal wieder ein kritischer backlink. vielleicht können wir ja ein bischen ins gespräch kommen, aber zunächst ein paar anmerkungen / richtigstellungen:

    1) ich habe mehrere dutzend(!) definitionen von theologie gelesen und bisher keine gefunden, mit der ich (besser) leben konnte als mit meiner. das, was du als definition anbietest ist ja zunächst nur eine übersetzung. die sagt nichts darüber aus, was theologie ist oder macht. immerhin kommen deine ansätze meiner bisherigen definition nahe: „theologie ist gelebtes wissen über gott“. leider merke ich, dass diese definition zu weit geht. theologie ist mitnichten immer praktisch und gelebt, sie hat ausflüsse ins leben und beeinflusst unser handeln, aber sie selber wird nicht „gelebt“. hier ist die deutsche sprache nicht hinreichend exakt um zwischen motiv/grundlage und handlung zu unterscheiden. eine lehre kann nicht praktisch sein, sie kann nur handlungen provozieren und DIE sind praktisch.
    diese blogdiskussionen werden auf einem gewissen intellektuellen niveau geführt. ehrlich gesagt ist das einer der gründe, warum ich überhaupt einen blog habe: laut nachdenken OHNE die notwendigkeit, es umzusetzen. das bedeutet natürlich, dass die diskussionen trennschärfer ablaufen als in der „real world“.

    2) ich bin im konstruktivismus zuhause seit ich vor fünfzehn jahren zum ersten mal die belusov-zhabotinsky-reaktion geshen habe. ich habe schätzungsweise die meisten leitautoren in den einzelnen disziplinen (biologie, philosophie, psychologie, soziologie) gelesen. dabei bin ich aber nie über den begriff des radikalen dekonstruktivismus gestolpert. was soll das sein? ich kenne den radikalen konstruktivismus als eine epistemologische theorie, die davon ausgeht, dass der mensch seine umwelt interpretierend wahrnimmt. die welt, die wir wahrnehhmen ist nicht DIE welt. das bedeutet NICHT, dass es keine reale welt gibt, die gibt es sehr wohl. das, was du als konstruktivismus beschreibst ist solipsismus und hat mit meiner position nichts zu tun. „dekonstruktivismus“ ist eine ursprünglich historische *methode*, die sich auch hervorragend in anderen wissenschaftsdisziplinen verwenden lässt. z.b. soziologisch und in jüngerer zeit eben auch für das hinterfragen gemeindlicher gegebenheiten benutzt wird.
    ich bin jetzt etwas unsicher, ob ich dein schmunzeln als polemik auffassen soll?

    3)calvin war ehrlich. er hat sich gedanken über die philosophischen wurzelen seiner theologie gemacht. ich teile den calvinismus auch nicht, denke aber dennoch, dass er „biblisch“ ist, in dem sinne, dass er biblisch fundiert ist. ihn kategorisch als unbiblisch abzutun weil er erkenntnistheoretische gedankengänge hat, wäre das kind mit dem bade auszuschütten. keiner von uns hat reine bibellehre. du wärest entsetzt, wenn du sehen würdest, wieviele deiner ansichten aus der kultur kommen, die dich umgibt und aus deinem elternhaus, deiner schulprägung usw.

    4) selbstverständlich gibt es eine objektive wahrheit, die von gott offenbart ist/wird. es die „wahrheit als begegnung“ (emil brunner), diese wird aber wahrgenommen und damit interpretiert. so entsteht theologie im (seltenen) idealfall aus einer begegnung mit gott, da diese aber von einem menschen in seiner ganzen psychosozialen gewordenheit wahrgenommen wird, ist sie immer subjektiv und bietet damit nur eine perspektive auf die bibel – und schon sind wir wieder da, wo wir angefangen haben. ;-)

    ich wünsche noch einen schönen tag und ein erfolgreiches weiterstudieren. ich werde „die theologie der strasse“ aufmerksam und mit spannung weiterverfolgen.

  • Danny 4:41 on 17 Dezember, 2005 | #

    Hi Storch!

    Schön zu sehen, dass jemand aufpasst und dass ich nicht gegen die Wand rede ;-)

    Theologie verstehe ich als Lehre über Gott – erst einmal unabhängig von der Praxis, Relevanz oder Autorität des Menschen. Hier bin ich ein totaler Barthianer, und beginne bei der Offenbarung Gottes.

    Ja, den radikalen De-Konstruktivismus gibt es (noch ;-) ) nicht. Derrida bringt mich anscheinend durcheinander! Ich meine natürlich den radikalen Konstruktivismus, in Bezug auf die philosophische Epistemologie – der jedes objektive (und auch göttliches) Wissen verneint:

    „People are capable only of knowing when their constructions of events fail, but are never capable of knowing truth in any kind of direct, objective manner.“ Link hier: http://www.acjournal.org/holdings/vol5/iss3/special/raskin.htm

    Wie gesagt, es ist ein RADIKALER Kontruktivismus.

    Bei näherer Betrachtung meines Artikels wirst du herausfinden, dass ich davon ausgehe, dass ohne Philosophie keine Theologie möglich ist. Das umfasst auch das Umfeld und unsere Prägung. In Bezug auf Calvin habe ich ihn nicht verachtet, er war ein großartiger Theologe, sondern wollte mehr auf seine calvinistischen Nachfahren hinweisen, die mit einer art falschgedeuteten sola scriptura behaupten, rein biblisch denkende Theologen zu sein. Ich bin mäßiger Calvinist.

    Gruß, Danny

  • Mike 6:48 on 17 Dezember, 2005 | #

    Hi Friends
    Zur Ergänzung noch eine Definition von Stanley Grenz (Beyond foundationalism, S.16):
    Christliche Theologie ist eine nie aufhörende fortlaufende Disziplin, im Vergleich zur Bibel als erster Instanz von zweitrangiger Bedeutung, die sich in kritischer und kon-struktiver Reflektion über den Glauben, das Leben und die Praxis der christlichen Ge-meinschaft engagiert. Ihre Aufgabe ist die Formulierung von biblisch genormten, his-torisch sachkundigen und kulturell relevanten Modellen des christlichen Glaubensmosaiks, um die Gemeinschaft von Christi Nachfolger in ihrer Berufung als Volk Gottes in einem spezifischen sozio-kulturellen Kontext, in dem sie leben, zu unterstützen.

    Wünsche dir ein gutes Wochenende
    Mike

  • haso 9:26 on 17 Dezember, 2005 | #

    Hi, soomah und ihr anderen theologen,

    fragen zu „theologie der strasse 2″

    1) macht es einen unterschied für die theologie, ob der theologe gott kennt oder nicht?

    2) welche rolle spielen der „geist der weisheit und der offenbarung“ (eph 1,16) und die „erleuchteten augen des herzens“ für die theologie?

    3) inwiefern ist gott fähig, sich uns so mitzuteilen, dass er unsere normalen erkenntnisbegrenzungen transzendiert? kann gott uns mehr offenbaren, als wir fassen können? das heißt: verändert und erweitert sich unsere wahrnehmungsfähigkeit und mitteilungsfähigkeit, wenn gott uns begegnet und sich uns mitteilt.

    4) was bedeutet hiobs unterscheidung von hörensagen und „mit den augen sehen“ (hiob 42,5) für die theologie? thomas von aquin wird – vermutlich nach einer mystischen Gotteserfahrungen – mit der Erklärung zitiert: „Alles, was ich geschrieben habe, kommt mir vor wie Stroh im Vergleich zu dem, was ich gesehen habe.“ (Zitat nach Wikipedia)

    5) Jesus sagt in Johannes 16:12 Noch vieles habe ich euch zu sagen, aber ihr könnt es jetzt nicht tragen. 13 Wenn aber jener, der Geist der Wahrheit, gekommen ist, wird er euch in die ganze Wahrheit leiten; denn er wird nicht aus sich selbst reden, sondern was er hören wird, wird er reden, und das Kommende wird er euch verkündigen.

    wie und wodurch verändert sich unsere theologische kapazität im verlauf unserer geistlichen biographie?

    5) nun noch ein mix aus gedanken und fragen:

    die aussage „gott liebt die menschen“ ist ein theologischer satz, denn er lehrt etwas über gott in menschlicher sprache. ich kenne fast nur christen, die diesen satz bejahen. ich kenne nur wenige christen, die diesen satz verstehen. wie können wir „wissen“, dass gott uns liebt?

    dieser satz ist ohne bedeutung für den, der nicht weiß, was liebe ist.

    dieser satz hat wenig bedeutung für den, für den er nur information.

    dieser satz wird nicht mehr bedeutung für uns gewinnen, wenn für uns offenbarung vor allem darin besteht, dass gott als „besserwisser“ uns „informationen“ gibt, die wir sonst nicht hätten.

    liebe wird laut der schrift „erkannt“. ich denke, ich sage euch nichts neues, wenn ich daran erinnere, dass dieses erkennen (zumindest im a.t.) mit demselben begriff bezeichnet wird, der für die intimität eines mannes mit seiner frau steht.

    über eine frau gibt es informationen, die jeder haben kann (name, geburtsdatum usw.). es gibt aber auch eine dimension ihres wesens, die auf dieser ebene nie erkannt wird. wenn die liebe und sexualität eines mannes mit seiner frau „tiefe“ hat, hat er von ihr etwas „erkannt“, was kein außenstehender erkennen kann.

    wenn ich lehre, möchte ich etwas von dem weitergeben, was ich in der intimität mit gott erkannt habe. (denn im unterschied zu meiner frau ist gott auf dieser ebene nicht nur für mich da.) ist das noch theologie, wenn ich mit worten das unssagbare zu sagen versuche?

    im mittelpunkt der theologie steht für mich nicht die frage, was menschen von gott erkennen können. im mittelpunkt der theologie steht für mich die frage, was gott über sich selbst zu offenbaren fähig ist.

    1.korinther 8.2-3 ei de tis dokei egnwkenai ti, oupw egnw kathws dei gnwnai. ei de tis agapa ton theon outos egnwstai up autou.

  • Josha 5:39 on 19 Dezember, 2005 | #

    Habe ein paar Gedanken zum Thema Glaube und Konstruktivismus auf mein Blog gepostet.

  • storchs blog » Blog Archive » solipsismus - konstruktivismus - repräsentationalismus 11:28 on 20 Dezember, 2005 | #

    [...] it gibt es eine erfreuliche kleine diskussion, die sich über mehrere blogs erstreckt. soomah eröffnete mit der aussage, dass er immer ein “bißchen schmunzeln (mu [...]


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